WETZLEBEN

Das Dorf Wetzleben liegt im Landkreis Wolfenbüttel und beherbergt mit seiner St. Godehardi-Kirche ein Baudenkmal ersten Ranges. Die Grundmauern des Turmes sollen ein beachtliches Alter von mehr als 1000 Jahren aufweisen. Seit Jahrhunderten ist nicht nur die Kirche als Gebäude ein fester Bestandteil des Ortes, sondern auch ein Teil ihrer Stimme.

 

Seit über 820 Jahren erklingt vom Turm von St. Godehardi eine spätromanische Zuckerhutglocke. Sie ist die älteste Glocke des Landkreises und hat im Laufe ihres Lebens so manche Lädierung erfahren müssen.

Schon im Bau- und Kunstdenkmälerinventar des Landkreises Wolfenbüttel (P. J. Meier, 1906) wird sie ohne Krone beschrieben und dass sie "durch vier Schrauben mit dem Balken verbunden" ist. Auch bei dem Neubau des Glockenstuhls zu Beginn der 1960er-Jahre änderte sich an diesem Zustand nichts. Lediglich wurde die Glocke von einem Holz- an ein zu ihrem Habitus ästhetisch unpassenden Stahljoch umgehängt. In diesem Zuge erneuerte man auch die Klöppelaufhängung. Diese bestand aus einer Eisenplatte mit einer mittig angeschweißten Konstruktion zur Aufnahme des Klöppels. Zur möglichst sicheren Befestigung wurde diese Eisenplatte mit einem parabolförmigen Holzaufsatz versehen und von innen gegen die Kronenplatte, Haube und z. T. auch Schulter der Glocke gedrückt. Die ohnehin schon durch die fehlende Krone eingetroffenen Klangeinbußen wurden somit nochmals verstärkt und die Glocke zu einem Schatten ihrer selbst degradiert.

Die Wetzleber Zuckerhutglocke im Vorzustand.

Den Verantwortlichen vor Ort war klar, dass dieser Zustand der altehrwürdigen Glocke nicht angemessen ist. So wandten sich diese an den Verfasser zur Ausarbeitung eines umfassenden und nachhaltigen Sanierungskonzeptes. Dieses sah nicht nur die Neukonstruktion und Einschweißung einer Sechshenkelkrone nach historischem Vorbild vor, sondern auch die Aufhängung an einem neuen Holzjoch und die Einhängung eines Keulenklöppels. Zusätzlich sollte auch der Uhrschlag auf die zweite, im Jahr 1963 gegossene Glocke umgelegt werden, um den "Wetzleber Methusalem" weiter zu schonen.

 

An Christi Himmelfahrt 2025 wurde das Projekt der Öffentlichkeit vorgestellt. Vor allem unter dem Einsatz des Kirchenvorstandsvorsitzenden Dr. Gerd Hensel konnten innerhalb kürzester Zeit genug Spendengelder akquiriert werden, welche die umfassenden Restaurierungsmaßnahmen erst möglich gemacht haben.

 

In einem ersten Schritt wurde die Glocke abgesetzt, um einen Blick auf die Kronenplatte zu erhalten und um Spuren der ehemals vorhandenen Krone zu sichern, die dann als Grundlage für die neu zu konstruierende Krone dienen sollten. Dabei wurde einer der Gründe ersichtlich, warum die alte Krone vermutlich entfernt wurde. Im Bereich des Mittelstückes konnte großflächige Porosität festgestellt werden. Ein Indiz dafür, dass es beim Guss Probleme gab, die dann später zur Entfernung der Krone geführt haben könnten.

Blick auf die Reste der ehemals vorhandenen Krone.

Trotz des vorgefundenen Schadensbildes konnten die Grundmaße der Krone und ihrer einzelnen Komponenten rekonstruiert werden. So konnte der Verfasser auf Grundlage dessen und mit den Proportionsverhältnissen des Mittelalters eine neue, authentisch gestaltete Krone entwerfen.

 

In der darauffolgenden Ausschreibung konnten sich die Glockengießerei Scherler aus Wiesmoor für die Neuanfertigung der Läutetechnik (Holzjoch inkl. Zubehör, neuer Klöppel, Montage im Turm) sowie die Glockengießerei Royal Eijsbouts aus Asten (NL) für den Guss und das Einschweißen der neuen Krone durchsetzen. Die Demontage der Glocke in Wetzleben erfolgte durch die ortsansässige Firma Fachwerk Kontor GmbH & Co. KG.

 

Nach der Demontage wurde die Glocke im Dezember 2025 nach Asten transportiert. Dort wurde sie zunächst einer eingehenden Rissprüfung unterzogen und eine Materialanalyse vorgenommen. Dabei stellte sich heraus, dass die Glocke einen Zinngehalt von über 25 % aufweist, was ungewöhnlich hoch ist. Auf Grundlage der Analyse wurde die neue Krone nach den Vorgaben des Verfassers gegossen, die alte Kronenplatte ausgeschnitten und die neue Krone mit eingegossener Klöppelöse aus Edelstahl an einem Stück eingeschweißt.

Die restaurierte Glocke im Endzustand.

Nach diesen geglückten Maßnahmen stand der Montage in Wetzleben nichts mehr im Weg. Glockengießer Eike Scherler passte das neue Holzjoch, welches ebenfalls nach historischem Vorbild gefertigt wurde, in seiner Werkstatt an die Glocke an. Auch wurde dort der neue, keulenförmige Klöppel angepasst, sodass die Montage in Wetzleben im März 2026 sehr zügig vonstatten gehen konnte. Die Glocke wurde morgens in den Turm aufgezogen und schon am Nachmittag erfolgte das erste Probeläuten, welches direkt einen hervorragenden Läuterhythmus zeigte, sodass eine weitere, zeitaufwendige Feinjustierung nicht mehr vorgenommen werden musste.

 

Am Ostermontag 2026 erklang die Glocke schließlich zum ersten Mal während des Gottesdienstes anlässlich ihrer Wiederinbetriebnahme.

 

Das rundum gelungene Restaurierungsprojekt wäre ohne die Unterstützung des Kirchenvorstandes, allen voran Dr. Gerd Hensel und Dr. Dietrich Parlitz, und des damaligen Pfarrers Jens-Christian Corvinus nicht so reibungslos über die Bühne gegangen. Allen Beteiligten in der Planung und in der handwerklichen Ausführung sei hier nochmal für die tolle Zusammenarbeit herzlich gedankt!

Und wie der Klang im Ohr vergehet,

Der mächtig tönend ihr entschallt,
So lehre sie, dass nichts bestehet,

Dass alles Irdische verhallt.

Friedrich von Schiller

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© Matthias Dichter