Glocken aus Ersatzwerkstoffen

Als die Firma Mayer & Kühne in Bochum, später weltberühmt unter dem Namen Bochumer Verein für Gussstahlfabrikation, Mitte des 19. Jahrhunderts Glocken aus Stahl goss, war für den Glockenguss in Europa eine neue Ära angebrochen. Schon bald wurden auch in anderen Ländern Stahlglocken gegossen, unter anderem bei Naylor & Vickers in Sheffield (Großbritannien) oder in den Böhlerwerken in Kapfenberg (Österreich).

 

Im Laufe der Jahrzehnte kamen Eisenhartgussglocken sowie Glocken aus Briloner Sonderbronze, Weißbronze und Euphon hinzu.

 

Noch heute werden diesbezüglich von vielen Glockensachverständigen immer noch Ammenmärchen verbreitet, die ich an dieser Stelle aufklären möchte.

Insbesondere betroffen sind hiervon Gussstahl- und Eisenhartgussglocken. Gussstahlglocken setzen außen eine dünne Rostschicht an, welche ihnen keinesfalls schadet und ganz natürliche Ursachen besitzt. Dem kann man vorbeugen, indem man diese Glocken in regelmäßigen Abständen mit frischer Rostschutzfarbe bestreicht (vorzugsweise RAL 7031).

Bei Eisenhartgussglocken hält sich das hartnäckige Gerücht, sie würden von innen nach außen rosten. Dies ist absoluter Unsinn! Eisenhartgussglocken rosten, wie andere Eisenteile auch, von außen nach innen. Bildet sich also eine Rostschicht an der Oberfläche, so ist diese mit einer Drahtbürste zu entfernen und ebenfalls mit Rostschutzfarbe zu bestreichen. Im Gegensatz zu Gussstahl-glocken rosten Eisenhartgussglocken bei schlechter Pflege vollständig durch, da sie einen höheren Kohlenstoffanteil besitzen. Insofern ist gute und intensive Pflege für Gussstahl- und Eisenhartgussglocken absolut notwendig!

 

In den 1930er-Jahren entwickelte die Glockengießerei Junker in Brilon die sogenannte Briloner Sonderbronze. Hierbei handelt es sich um eine zinnfreie Kupfer-Silizium-Legierung mit ca. 92% Kupferanteil. Der Klang ist im Verhältnis zu normalen Bronzeglocken oftmals obertöniger und glasiger. Ausnahmen bestätigen jedoch die Regel.

 

Ein ähnliches Material war Euphon. Diese zinnfreie Kupfer-Zink-Legierung verwendete der Erdinger Glockengießer Karl Czudnochowsky. Glocken aus diesem Material klingen oftmals sehr herb, aber auch charmant. Durch ihre metallurgischen Eigenschaften sind solche Glocken so gut wie nicht anfällig für Risse oder anderweitige Beschädigungen.

 

Die Glockengießerei Grüninger in Villingen goss kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges Glocken in sogenannter Weißbronze. Diese Legierung weist einen hohen Anteil an Aluminium auf. Darum klingen solche Glocken nicht nur dumpf und resonanzarm, sondern sie nutzen auch sehr schnell ab und sollten aufgrund dieser Eigenschaften gegen höherwertige Bronzeglocken ausgetauscht werden.

 

Und wie der Klang im Ohr vergehet,

Der mächtig tönend ihr entschallt,
So lehre sie, dass nichts bestehet,

Dass alles Irdische verhallt.

Friedrich von Schiller

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© Matthias Dichter