Rammelkam, erstmals im Jahr 926 als „Rammincheima“ urkundlich erwähnt, ist heute ein Ortsteil der Gemeinde Kumhausen. In der romanischen Hofkirche St. Vitus befindet sich mit der sogenannten Zuckerhutglocke ein außergewöhnlich bedeutendes historisches Instrument. Nach derzeitiger Kenntnis handelt es sich um die älteste noch in Betrieb befindliche Glocke der Erzdiözese München und Freising.
Über die Jahrhunderte verfügte der Turm nachweislich über zwei Glocken. Davon zeugen unter anderem die Seildurchlässe im Chorgewölbe. Eine 1859 von Johann und Therese Oberhofer gestiftete Glocke mit einem Gewicht von 73 kg wurde 1917 zu Kriegszwecken abgeliefert und eingeschmolzen.
Vermutlich um das Jahr 1930 gelangte eine aus dem 15. Jahrhundert stammende Sterbeglocke aus der Pfarrkirche Grammelkam nach Rammelkam. Die rund 200 kg schwere Glocke mit einem Durchmesser von 66 cm war für den vorhandenen Turm eigentlich zu groß. Um ihr freies Schwingen zu ermöglichen, mussten Aussparungen in das Turmmauerwerk eingebracht werden. Auch diese historische Glocke wurde im Januar 1942 im Rahmen der Kriegsmetallablieferungen beschlagnahmt und eingeschmolzen.
Erhalten blieb allein die alte Zuckerhutglocke, die durch rechtzeitiges Vergraben vor der Ablieferung bewahrt werden konnte. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hing sie somit allein im Turm.
Die hochmittelalterliche Zuckerhutglocke von St. Vitus in Rammelkam.
Anlässlich des 1100-jährigen Ortsjubiläums von Rammelkam entstand der Wunsch, die historische Glocke wieder um ein zweites Instrument zu ergänzen.
Dabei sollte ausdrücklich keine moderne Standardglocke entstehen. Vielmehr bestand das Ziel darin, eine neue Glocke zu schaffen, die sich hinsichtlich ihrer Rippenkonstruktion, ihres Klangcharakters und ihrer technischen Ausführung möglichst selbstverständlich in das historische Umfeld einfügt.
Die Planung orientierte sich daher konsequent an den Eigenschaften der vorhandenen Zuckerhutglocke. Insbesondere wurden folgende Grundsätze verfolgt:
- Die neue Glocke sollte einen ausreichenden tonalen Abstand zur historischen Glocke besitzen. Ursprünglich diente hierfür der Schlagton cis'' als Orientierung.
- Trotz des tonalen Abstandes sollte der Klangcharakter der neuen Glocke möglichst eng an das historische Vorbild angelehnt sein.
- Die Glockenrippe sollte aus den Proportionen und Eigenschaften der vorhandenen Zuckerhutglocke entwickelt werden.
- Auch die Aufhängung und die Klöppelkonstruktion sollten sich an historischen Vorbildern orientieren.
Mit der Umsetzung wurde der niederländische Glockengießer Simon Laudy beauftragt, der seit vielen Jahren Erfahrung mit Glockengüssen vor Ort besitzt und sich insbesondere mit der Rekonstruktion historischer Glockenrippen beschäftigt.
Die sogenannte falsche Glocke während des Formprozesses.
Im April 2026 wurde die Zuckerhutglocke gemeinsam mit Simon Laudy vor Ort untersucht und exakt vermessen. Das dabei erstellte Rippenaufmaß bildete die Grundlage für die Konstruktion der neuen Glocke.
Auf Basis dieser Messdaten wurde noch im selben Monat die neue Glockenrippe entwickelt. Die historische Form wurde dabei im Verhältnis 4:3 vergrößert, um die gewünschte Tonlage und Dimension der neuen Glocke zu erreichen.
Vorgesehen wurden ein Durchmesser von 526 mm und ein Gewicht von etwa 70 kg.
Die Übernahme der historischen Rippenproportionen war dabei von zentraler Bedeutung. Nicht die Einhaltung moderner Normwerte stand im Vordergrund, sondern die möglichst stimmige Verbindung von historischer Formgebung, Klangcharakter und musikalischer Funktion.
Eine besondere Besonderheit des Projektes war von Beginn an vorgesehen: Die neue Glocke sollte nicht in einer herkömmlichen Gießerei, sondern direkt vor Ort in Rammelkam gegossen werden.
Der Formenbau begann am 07. September 2026 in den Niederlanden. Bereits am Abend desselben Tages war die sogenannte falsche Glocke fertiggestellt. In ihr wurden sämtliche für die endgültige Glocke vorgesehenen Inschriften, Ornamente und Reliefs ausgearbeitet.
Der Guss selbst erfolgte am 12. September 2026. Die Form war innerhalb von lediglich 33 Sekunden vollständig gefüllt. Da während des Gusses keinerlei technische Komplikationen auftraten, waren die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Guss gegeben. Die endgültige Gewissheit brachte die Ausformung am folgenden Morgen.
Am 13. September konnte die neu gegossene Glocke sowohl unmittelbar nach dem Guss als auch später im Turm begutachtet werden.
Glockengießer Eike Scherler half beim Guss der Glocke in Rammelkam tatkräftig mit.
Die neue Glocke zeigte sich nach dem Guss in außergewöhnlich guter gusstechnischer Qualität. Es konnten keine relevanten Gussfehler festgestellt werden. Nach der Ausformung wurde sie lediglich mit Drahtbürsten gereinigt und der Grat an der Schärfe entfernt.
Der ursprünglich angestrebte Schlagton cis'' wurde beim Guss nicht exakt getroffen; tatsächlich liegt der Schlagton um einen Halbton höher bei d''. Für die klangliche Zielsetzung des Projektes war jedoch nicht allein die nominale Tonhöhe ausschlaggebend. Im Vordergrund stand vielmehr die klangliche Verwandtschaft mit der historischen Zuckerhutglocke.
Auch der weitere Teiltonaufbau zeigt gegenüber dem historischen Vorbild teilweise deutliche Abweichungen. Gleichzeitig weist die neue Glocke, ebenso wie ihre ältere Schwester, charakteristische innenharmonische Querstände auf. Gerade diese Eigenheiten tragen wesentlich zu ihrem individuellen und historisch anmutenden Klangcharakter bei.
Auch bei der technischen Ausstattung wurde die historische Zuckerhutglocke zum unmittelbaren Vorbild genommen.
Die neue Glocke hängt an einem aus einem Stück gefertigten Eichenholzjoch, dessen Formgebung an das Joch der bestehenden Glocke angelehnt ist. Die Aufhängung wurde mit kunstvoll geschwungenen Flachstahlbändern ausgeführt.
Besondere Aufmerksamkeit verdient der Flachballenklöppel. Im Gegensatz zum heute vielfach verwendeten Rundballenklöppel entspricht diese Konstruktion historischen Formen, die im Alpenvorland und im Alpenraum heute nur noch selten anzutreffen sind.
Die Lagerung erfolgt über Gleitlager aus Bronze.
Um ein uneingeschränktes Durchschwingen der neuen Glocke zu ermöglichen, wurden außerdem die in früherer Zeit zugemauerten Aussparungen in den Turmwänden wieder geöffnet. Dabei wurden ausschließlich die später, vermutlich in den 1970er-Jahren, eingesetzten Backsteine entfernt; historische Bausubstanz blieb unangetastet.
Die neue Vitusglocke im hochmittelalterlich anmutenden Gewand.
Der erste Probelauf bestätigte die grundlegende Idee des Projektes. Trotz ihrer größeren Dimension und ihrer höheren Singfreudigkeit überdeckt die neue Glocke die historische Zuckerhutglocke nicht. Beide Instrumente verbinden sich zu einem ausgewogenen und geschlossenen Klangbild.
Bemerkenswert ist dabei die enge klangliche und gestalterische Beziehung der beiden Glocken. Als Einzelinstrument lässt sich die neue Glocke nicht ohne Weiteres als modernes Instrument erkennen; vielmehr vermittelt sie den Eindruck eines historisch gewachsenen, hochmittelalterlich geprägten Glockenensembles.
Mit der neuen Rammelkamer Glocke wurde damit ein ungewöhnliches Projekt verwirklicht: eine erhaltene historische Zuckerhutglocke wurde erstmals seit vielen Jahrhunderten in Deutschland durch eine neu gegossene Glocke ergänzt, deren Rippenkonstruktion sich unmittelbar an ihrem historischen Vorbild orientiert.
Es zeigt zugleich, dass die Ergänzung historischer Glocken nicht zwangsläufig durch die Verwendung moderner Standardrippen erfolgen muss, sondern auch durch eine behutsame Auseinandersetzung mit den historischen Eigenschaften des vorhandenen Instruments möglich ist.
Die neue Glocke von Rammelkam versteht sich damit nicht als bloße Ergänzung eines historischen Bestandes, sondern als bewusste Fortführung seiner Klang- und Formensprache.
Technische und musikalische Daten
+ LAUDY (R) GOSS (R) MICH (R) IN (R) RAMMELKAM
Legende: R = Rosette
Inschrift (Wolm):
RAMMINCHEIMA 926 ~ 2026 RAMMELKAM (L) GESTIFTET VON FRANZ & CHRISTINE ATTENKOFER (L)
Legende: L = Lilie